Wien 2022

13. Kongress des Frankoromanistenverbands

21.–23. September 2022

Universität Wien

Populaire! Populär?

https://frankoromanistentag.univie.ac.at/

Populär ist das, was gerade ‘alle’ wollen. Es ist der letzte Schrei der Mode, der einen Lebensstil definiert und nach seinem Konsum dem Vergessen anheimfällt. Deshalb ist das Populäre flüchtig wie ein Feuerwerk und überdauert nur durch seine Wiederholung und serielle Überbietung: Das populäre Ritual des Urlaubs, die Narrative der Massenmedien sowie die Ausdrucksformen der Jugendkultur sind Kulthandlungen, deren Fortschritt in der Gegenwart zelebriert wird. Populär sind andererseits auch Brauchtum und sprachliche Gepflogenheiten: die Sitten und Riten, Mythen und Märchen, Dialekte und Regionalsprachen. Alteritätserfahrung und Kolonialismus machen daraus die Folklore, das Ursprüngliche, das Volkstümliche, das Indigene und das Exotische. Das Populäre offenbart sich in der Sehnsucht nach der Tradition, der „Erfindung der Nation“ (Benedict Anderson) und ihren lieux de mémoire (Pierre Nora) – all das unter dem Vorzeichen der Nostalgie, die sowohl eine Trauer über den Verlust der Vergangenheit als auch eine „Romanze mit der eigenen Fantasie“ (Svetlana Boym) ist. Populaire bezeichnet aber auch soziale Varietäten jenseits der elitären Norm (français populaire), Sprachhandeln und Sprachgeschichte “von unten“ (Laienlinguistik, folk dialectology, Volksetymologie) und Wissenschaft mit Partizipation der breiten Bevölkerung (citizen science).

Für diesen Schnittpunkt aus Spektakel und Nostalgie bieten die Kulturen des französischen Sprachraums unzählige Beispiele: von den Schreckgespenstern der Matière de Bretagne, Gilles de Rais, Jeanne d’Arc, Gargantua und Pantagruel über Carmen bis zu Fantômas und Irma Vep; von den Skandalautoren François Villon über den Marquis de Sade und die poètes maudits Rimbaud und Verlaine bis zu Virginie Despentes, Michel Houellebecq und Gaspard Noé; dazu der Karneval, das Grand Guignol, der Feuilletonroman, das Vaudeville, die sérials des frühen Kinos. Immer geht es um das Aushandeln zwischen Kanon und Kult, zwischen Kunst und Kitsch: in der Literatur- und Kulturtheorie bei Bachtin, Barthes und Bataille, in den Auszeichnungen durch Goncourt und Cannes oder mittels der inszenierten Mündlichkeit und Mehrsprachigkeit in der frankophonen Literatur.

Die politischen Implikationen ergeben sich aus dem Spannungsverhältnis zwischen ‘Zen-trum’ und ‘Peripherie’ der Frankophonie, der Landflucht, Industrialisierung, Alphabetisierung und Schulpflicht im „langen 19. Jahrhundert“ (Eric Hobsbawm), begleitet von Verschwörungstheorien, politischen Skandalen und sozialer Ungerechtigkeit, deren unbekannten Opfern Émile Zola ein populäres Denkmal setzt, während später Aimé Césaire den weiten Weg der geistigen Befreiung von der Kolonialzeit hin zur Éloge de la créolité und dem Konzept einer littérature-monde ebnet. Dem Universalismus der littérature-monde stehen jedoch der Populismus und die Polarisierungen in den neuen Medien entgegen. Die Implikationen von „Medien-Zeit“ und „Medien-Raum“ (Götz Großklaus) zeigen sich besonders seit dem „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ (Walter Benjamin) und der Entstehung der Echtzeitmedien für jedermann, von der Rotationspresse über Fotographie, Telegraph, Telefon, Film und dem Rundfunk in Radio und Fernsehen bis zum Internet der Streaming-Dienste und sozialen Medien mit ihren Influencern, Bloggern und Youtubern.

Die Liste der angenommenen Sektionen ist auf der Kongresswebseite der Universität Wien zu finden.